Gegenstände - Anker - in der Hand halten (Übergangsobjekte)

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      Gegenstände - Anker - in der Hand halten (Übergangsobjekte)

      Bitte verzeiht die schwammige Überschrift, ich kann es gerade nicht besser formulieren.

      Mich beschäftigt da seit einiger Zeit etwas, und ich bin mir nicht sicher, wie ich es einordnen soll, bzw. ob mein aktueller Umgang damit für die Zukunft ok ist.

      Der kleine Prinz hat vor Monaten mit unserer Ergotherapeutin Strategien erarbeitet, wie er sich selbst regulieren kann, wie er sich wieder beruhigen kann, wenn er z.B. einen aufregenden Vormittag im Kindergarten hatte, oder ähnliches. Dabei kam eben heraus, auch in Zusammenarbeit mit mir eben, dass ihm rosarote Silikonförmchen für Muffins "gut tun", die er in der Hand hält und auch hineinbeißt, oder eine halbe Limette, an der er leckt.

      Mit der Zeit hat es sich nun so entwickelt, dass der kleine Prinz das rosa Muffinsförmchen regelrecht "braucht". Ich habe von Anfang an darauf bestanden, dass es draußen nicht mitgenommen wird, also wenn wir in den Kindergarten fahren, bleibt es im Auto liegen, wenn wir wohin gehen, bleibt es zu Hause liegen. Aber zu Hause hat er es die ganz liebe lange Zeit in der Hand, manchmal sogar beim Essen. Beim Einschlafen hält er es ebenfalls in der Hand, und manchmal wacht er in der Nacht auf und wird ganz unrund, wenn es nicht mehr in seiner Hand ist. Dann fragt er gleich recht ungeduldig danach, und ich suche es ihm, erst dann ist er wieder beruhigt und schläft auch weiter, wenn er nicht schon zu sehr wach war. (Wieder einzuschlafen fällt ihm aber auch dann schwer, wenn er zB aufs Klo muss in der Nacht). Auf der Schaukel im Garten lautet die Regel z.B. "Muffinsförmchen in die Jackentasche", da ist es kein Problem. Er sieht ja selbst, dass er sich ohne diesem Ding in der Hand viel besser festhalten kann.

      Ich bin mir eben nicht sicher, ob das für seine Seele so gesund ist, wenn er sich so auf dieses Teil festbeißt, dass er es quasi richtig braucht. Ich hatte mir schon überlegt, ihm vielleicht als Alternative eine Kaukette oder sowas in die Richtung zu besorgen und irgendwie zu versuchen, dass die dann diese Muffinsform ablöst. Auch überlege ich wegen einer Regel, dass die Muffinsform nicht mit auf den Esstisch darf ... Oder wäre das zu übergriffig?

      Ich hoffe, ihr könnt mir da weiterhelfen. Danke!

      LG
      michie mit kleinem prinzen (11/2012; ASS) und kleiner fee (02/2015)
      Hallo Michie,

      die Kaukette hätte auch ihre Nachteile. Mein Weg bei solchen Sachen war immer, drauf zu bauen, dass er es selber, von sich aus, aufhören kann,weil er es irgendwann nicht mehr braucht. Mir fällt da auch immer die Erzählung einer Mutter mit einem inzwischen erwachsenen Aspie ein: sie haben dem Kind mal einen unguten Tic abgewöhnt, mit ziemlich großem Aufwand, weil die Mutter dachte, der wäre zu auffällig, ausgrenzend. Hinterher hat ihr Sohn sich einen neuen Tic zugelegt, weit übler als der alte.
      Das Gefühl, aus EIGENEM ANTRIEB auf so eine „Krücke“ zu verzichten ist sehr wichtig, Selbstwirksamkeit, Autonomie, Selbstbestimmung.
      ich würde sagen: Lass es ihm, aber schränke es vernünftig ein, exakt genau so, wie du es eh schon machst. :thumbup:
      Am Tisch finde ich es okay zu sagen: Das Ding liegt auf der Bank, und braucht nicht auf den Tisch, denn auf der Bank hat er ja Zugriff, wenn er es braucht. Als Möglichkeit (um die geht es ja vor allem, oder?)

      Die Muffinform ist eigentlich nicht schlecht für die Funktion. Passt in die Hosentasche, ist ersetzbar, waschbar, und vergleichsweise unauffällig. Ich denke, dass es für einen Autisten tatsächlich eine große Hilfe sein kann, in einer Überforderungssituation oder auch bloß bei Unsicherheit eine vertraute taktile Wahrnehmung selbstbestimmt einsetzen zu können. Im Fachchinesisch heißt es übrigens Übergangsobjekt. Habe grade mal im Google-Output geblättert, witzig, da fehlt etwas in den diversen Artikeln, das sicherlich für sehr viele Kinder wichtig ist: wie beruhigend die sensorische Vertrautheit sein kann, Anfassen, Geruch, ... Das kennen wir Erwachsenen doch auch, zb mit einem Handschmeichler in der Hosentasche, oder dem Kaugummi, oder oder
      Enscha - mit Hans im Glück (frühkindlicher Autismus, und Pubertät)
      "Jedes Ding hat drei Seiten, eine positive, eine negative, und eine komische."

      Dieser Beitrag wurde bereits 9 mal editiert, zuletzt von „Enscha“ ()

      Hi Enscha, danke für deine Worte!

      Ja, da hast du so Recht! Es ist auch so, dass wir da einige haben, obwohl auch schon bedenklich viele kaputt gegangen sind, und er mag ja aus dem Farbenmix einfach nur die rosaroten, die anderen beiden Farben gelten nicht ;-).

      Wenn er jetzt z. B. eine der Förmchen eine Weile in der Hand hatte und die dann verlegt, dann akzeptiert er gar keine andere als Alternative, wahrscheinlich weil diese eine eben schon warmgeknetet ist und weicher, anders riecht etc.

      Es freut mich, dass du das auch so siehst... Wie bist du auf den Begriff "Übergangsobjekt" gestoßen? Ich recherchiere schon so lange zu dem Thema, und habe nie einen Fachbegriff gefunden. Dabei dachte ich, dass ich da gar nicht so schlecht drauf bin, beim Recherchieren.

      LG
      michie mit kleinem prinzen (11/2012; ASS) und kleiner fee (02/2015)
      Was bei Enscha so bemerkenswert ist, dass sie das ganze Wissen auch immer präsent hat.

      Ich müsste in mein Gedächtnis erst immer in einen langen Such-Modus umstellen oder versuchen , es im Netz zu finden. Meist ist Letzteres - erstaunlicherweise - oft noch schwieriger. Viele dieser Dinge sind so leicht gar nicht zu finden.
      Hallo!

      Ich kann deine Bedenken schon recht gut verstehen und manche deiner Einschränkungen erscheinen mir auch sehr sinnvoll.
      Allerdings bin ich mir nicht so sicher, ob es eine gute Idee ist das Förmchen nicht mit in den Kindergarten zu nehmen.

      Übergangsobjekt ist tatsächlich eine recht treffende Bezeichnung dafür, aber ich bin mir gerade nicht sicher, ob es das auch zu 100% trifft. Meist wird das Übergangsobjekt ja eher als "Stellvertreter" für die Mutter oder ähnliches gesehen.

      Ich denke wichtig ist zu verstehen was für eine Bedeutung so ein Objekt hat. Aus meiner eigenen Perspektive würde ich sagen, dass es für Sicherheit und Stabilität steht. Ist das Objekt weg entsteht Unsicherheit, evtl. auch Angst. Deswegen ist es völlig logisch, das er nachts danach sucht wenn es eben nicht mehr in der Hand ist.
      Wenn ich mich richtig erinnere ist Schlafen für die meisten Kinder noch problematisch. Ich meine ich habe mal gelesen das jeder Mensch nachts mehrmals aufwacht um kontrollieren zu können ob noch alles in Ordnung / sicher ist. Nur das Erwachsene dabei eben nicht vollständig erwachen, diese Kontrolle schnell durchführen und bewusst gar nichts mehr davon mit bekommen. Für Kinder ist das einfach schwieriger.

      Eine vielleicht etwas unkonventionelle Lösung für das nächtliche Problem: Es gibt doch Schnullerketten für Babys. Vielleicht könntest du eine Schnullerkette oder etwas ähnliches an einer der Muffinformen befestigen so dass sie nachts nicht so leicht verloren gehen kann.
      Ich kann mir vorstellen dass es für dich nicht gerade toll ist, wenn der kleine Prinz nachts so unruhig danach fragt. Ich kann dir aber aus eigener Erfahrung sagen das es verdammt stressig ist, wenn etwas das dringend zum Schlafen gebraucht wird um die nötige Sicherheit zu fühlen, weg ist. Im Halbschlaf danach suchen und es finden ist kein Problem, da kann man recht schnell wieder einschlafen. Ist es aber nicht so schnell auffindbar wird man immer unruhiger, ängstlicher und dadurch natürlich wacher.


      Vielleicht ist diese Fixierung auf diese Muffinförmchen erstmal ein bisschen anstrengend. Aber ich denke man sollte darin auch das positive sehen. Es gibt Sicherheit, der kleine Prinz kann sich damit beruhigen etc.
      Ich bin aber auch davon überzeugt, dass das irgendwann aufhören wird, auch wenn es lange dauert.
      Ich kenne es von mir selber. Das es Objekte gibt ohne die ich nicht schlafen kann und die gerade in schwierigen Zeiten / Phasen immer dabei sein müssen. Es gibt / gab aber auch schon Zeiten in denen ich wesentlich entspannter war und in denen es keine gefühlte Katastrophe war wenn ich eben mal nicht das Objekt gefunden habe oder es eben nicht sofort haben konnte.
      Denke das liegt einfach an der inneren Sicherheit / Stabilität. Je mehr davon in einem selber ist, umso weniger braucht man solche Objekte.


      LG Trixi
      Trixi - ein.ZIG.Artig
      Mich muss man erlebt haben, um mich zu kennen.
      Superheldin
      :delphin
      Hallo,

      ui, Komplimente 8o Danke vielmals. Mein Gehirn merkt sich die wunderbarsten Sachen, leider habe ich auf die Prioritäten keinen echten Einfluss, es schmeißt also dafür Infos raus, die auch nicht unwichtig wären *hüstel*, die so in den Bereich Alltagsorga gehören :whistling:

      Also, ich bin in dem „Geschäft“ ja schon lang, und unter den Leuten, mit denen ich da so rede, sind allerlei Professionelle, und daher hatte ich in einer staubigen Ecke meiner Erinnerung noch eine Ahnung, wie das heißt. Das mit der Mutter, die da ersetzt wird, ist mir auch zu klassisch und zu freud-mäßig. Ich kenne auch nichtautistische Kinder, die überall ihr Viecherl dabei haben und unbedingt brauchen, und zwar auch, wenn Mama danebensitzt ... Aber der Rest passt. Vielleicht nutzen autistische Kinder sowas ja auch ein bisschen anders als nichtautistische, vielleicht mit weniger Kuschelfaktor, weniger personifiziert ...?
      Hans hat sowas übrigens nie gehabt, der hängt sich dafür an fixen Sätzen „auf“, bzw im KiGa-Alter an stererotypischen Handlungen (Tür auf, Tür zu) kann auch ganz schön anstrengend werden. :P
      Ich finde etwas, was autonom funktioniert, also ohne dass wer anders „mitspielen“ muss günstiger, sozial verträglicher, weniger konfliktanfällig.
      Enscha - mit Hans im Glück (frühkindlicher Autismus, und Pubertät)
      "Jedes Ding hat drei Seiten, eine positive, eine negative, und eine komische."

      Dieser Beitrag wurde bereits 6 mal editiert, zuletzt von „Enscha“ ()

      Enscha schrieb:



      Also, ich bin in dem „Geschäft“ ja schon lang, und unter den Leuten, mit denen ich da so rede, sind allerlei Professionelle, und daher hatte ich in einer staubigen Ecke meiner Erinnerung noch eine Ahnung, wie das heißt.


      Echt, die Profis werfen mit Fachjargon um sich? Hab ich selten erlebt...
      Glaube eher, dass viele den Theoriekram aus der Ausbildung selbst sehr schnell vergessen.
      Seltener halten sich da andere bewusst zurück, warum weiß ich nicht.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von „Annemarie“ ()

      Also, ehrlich gesagt, für mich ist der „Theoriekram“ aus meinem Studium bis heute Handwerkszeug, und das geht offenbar hier einigen Pädagogen und „dergleichen“ ähnlich. Fände ich auch erschreckend, wenn die Ausbildung nicht fruchtet. Ich finde den Austausch so auch sehr spannend ... Vielleicht merke ich mir deshalb dann auch solche Begriffe leichter? Möglich.
      Ist das bei euch nicht so? (Sorry fürs Offtopic)
      Enscha - mit Hans im Glück (frühkindlicher Autismus, und Pubertät)
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      Ich habe mich im echten Leben gut vernetzt, in der Selbsthilfe, über Fortbildungen beim Verband, und so. Das ist mir sehr wichtig. Mit Müttern autistischer Kinder könnte ich oft vom Fleck weg drei Tage durchquatschen, da gibt es immens viel zu erzählen :D Und so kommt das über die Jahre zustande ...
      Enscha - mit Hans im Glück (frühkindlicher Autismus, und Pubertät)
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      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von „Enscha“ ()

      Mir geht es auch so, dass ich den theoretischen Teil meines Studiums als sehr hilfreich empfinde, vor allem den, wo es um Kommunikation um das Kommunizieren, die kulturellen Nuancen und Gegebenheiten, Stereotypen unterschiedlicher Kulturkreise oder einfach die Bedeutung/Bezeichnung/Interpretation von Wörtern etc. geht. Vom Erwerb einer Zweit- oder Fremdsprache gar nicht erst zu reden. All das dreht sich irgendwie in meinem Kopf immer wieder und ich finde es interessant, wie mein kleiner Prinz sich da mit seiner nicht ganz so kollaborativen Wahrnehmung wacker schlägt. Was mir noch fehlt ist der Austausch mit Fachleuten, da laufe ich hier regelmäßig gegen die Wand. Romana Malzer von LifeTool war da der erste Lichtblick für mich :-D. Wobei teilweise die Gespräche mit den Kindergartenpädagoginnen und der Sonderpädagogin schon auch horizonterweiternd sind in gewissen Aspekten.

      Mal sehen, vielleicht ändert sich das mit dem Schulstart ja auch noch...

      @Trixi: Ich kann auch deine Sichtweise sehr gut verstehen. Die Muffinsform war eben am Anfang wirklich nur dafür gedacht, dass er sich "nach" der starken Anforderung am Vormittag damit runterholt, während wir im Auto nach Hause fahren. Er akzeptiert es auch gut, dass er sie z. B. beim Fahrradfahren, Rollerfahren oder im Garten eben beim Klettern oder Schaukeln weglegen soll. Da hat er sich noch nie beschwert, er sagt sogar selber "die wartet hier". Im Kindergarten hat er eine Hängeschaukel, in die er immer darf, wenn er etwas Ruhe braucht. Außerdem hat die Sonderpädagogin eine ganze Tasche voller Fühlsachen dort stehen, die er sehr gerne nimmt - auch aus ähnlichem Material etc. Im Flugzeug nach Südamerika z.B. und auch dort eigentlich überall habe ich ihn nicht in der Verwendung eingeschränkt, weil es ja nichts Vertrautes war und ich ihn nicht unnötig stressen wollte.
      Der Tipp mit der Schnullerkette ist genial. Ich hab sowas glaub ich sogar noch irgendwo, hat uns mal jemand geschenkt, aber meine Kinder hatten beide nie Schnuller oder Fläschchen, sondern waren wonneproppige Busenbabys :D. Vielleicht kann er dann öfter die ganze Nacht durchschlafen, das wäre ja schon wichtig für ihn.

      Danke für eure wertvollen Gedanken!
      michie mit kleinem prinzen (11/2012; ASS) und kleiner fee (02/2015)
      michie, wenn ich das mal eben auf das Thema Skills für / bei psychischen Krankheiten vergleiche...
      Gerade dort wird immer wieder gesagt das man die Skills vor allem erstmal in guten Momenten / Situationen anwenden soll, damit sie dann auch wirklich wirken / helfen wenn es zu einer Stresssituation kommt.

      Ich denke es ist zumindest ein sehr gutes und positives Zeichen dass die Muffinform weggelegt werden kann, wenn es gerade unpraktisch wäre sie in der Hand zu behalten. Wirklich Sorgen würde ich mir wahrscheinlich machen wenn der kleine Prinz anfängen würde eben z.B. nicht mehr zu klettern, Roller zu fahren o.ä. weil es ihm wichtiger ist die Muffinform in der Hand zu behalten.
      Trixi - ein.ZIG.Artig
      Mich muss man erlebt haben, um mich zu kennen.
      Superheldin
      :delphin

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      Genau, die Ergotherapeutin nannte das auch Skills. Der kleine Prinz hat sie in der Tat zuvor außerhalb jeglicher Stresssituation ausprobiert, und auch jetzt nimmt er sie ganz von Stresssituationen unabhängig genauso, wenn er zu Hause ist. Manchmal hält er sogar trotz Muffinform auch noch eine Gabel oder so ;-). Das habe ich oben schlecht formuliert. Ausgesucht haben wir das natürlich in guten Momenten, auch die Limette (hilft ihm genauso, wenn er an einer halben Limette leckt).
      michie mit kleinem prinzen (11/2012; ASS) und kleiner fee (02/2015)