Psychische Gewalt - Warum wird sie bis heute tabuisiert?

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      Psychische Gewalt - Warum wird sie bis heute tabuisiert?

      Durch Zufall bin ich gestern Abend bei 3Sat auf eine Sendung gestoßen, die mich sofort berührt hat:

      3sat.de/mediathek/?mode=play&obj=72755

      Ich fand die Sendung äußerst sehenswert. Die Quintessenz von den völlig unterschätzten Auswirkungen psychischer Gewalt entspricht exakt dem, was ich als Kind selbst erlebt habe. Es wird auch angesprochen, wie tief die Methoden der psychischen Gewalt bis heute in der Pädagogik verwurzelt sind ‒ und wie eng die Querverbindungen zu den allgemeinen gesellschaftlichen Wertvorstellungen sind.

      Auch für mich ist es schwer zu verstehen, warum psychische Gewalt (gegenüber körperlicher und sexueller Gewalt) bis heute so tabuisiert wird. Die Gewaltdebatte wird in dieser Gesellschaft oft nicht ehrlich und viel zu vordergründig geführt. Das macht mich traurig und wütend zugleich.

      Ich weiß nicht, wie lange die Sendung in der 3Sat-Mediathek noch abrufbar ist, aber hoffentlich noch sehr lange!
      Dario, ich habe die Sendung noch nicht gesehen, hole dies aber nach. Vorweg möchte ich aber sagen, dass ich das ähnlich sehe. Psychische Gewalt ist sehr schwerwiegend und bisher wird darüber kaum geredet. Psychische Gewalt ist viel schwerer zu beweisen als körperliche Gewalt, die oft sichtbare Spuren hinterlässt. Vielleicht ist das mit ein Grund, warum das Thema in der Öffentliochkeit noch nicht so präsent ist.
      Jetzt habe ich mir die Sendung auch angeschaut. Sehr interessant!

      Annemarie schrieb:

      Was wird denn dort vorgeschlagen zur Lösung? Oder nichts wirklich?
      Präventionsprogramme an Schulen, frühzeitige Beratung für Fachpersonal und Eltern. Also, nicht erst, wenn der Konflikt da ist.

      dagmar neo frea schrieb:

      ab Min 30 : Psychoterror durch Bürokratismus.
      Das fand ich auch sehr interessant und muss sagen, dass ich innerhalb der Bürokratie den Umgang mit behinderten Menschen und deren Angehörigen definitiv als strukturelle Gewalt empfinde und unsere Familie dadurch sehr belastet und geschwächt wird. Diese Form von Gewalt wird bisher kaum als Gewalt wahrgenommen und als solche benannt.

      Timeout an Schulen und Kindergärten gehört ebenfalls zu psychischer Gewalt. Wird sehr oft praktiziert. Im Prinzip zieht sich psychische Gewalt durch alle Systeme: Schule, Kindergarten, Pflegeeinrichtungen, Arbeitsplatz, Öffentlichkeit, Bürokratie.

      Die Wurzeln lassen sich in der Naziideologie und auch davor finden. Die Erziehungsmethoden reichen bs in unsere heutige Zeit. Unsere Gesellschaft ist damit aufgewachsen. Ich nehme an, dass daher diese Form der Gewalt so selten hinterfragt wird.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von „Ella“ ()

      Ella schrieb:

      Das fand ich auch sehr interessant und muss sagen, dass ich innerhalb der Bürokratie den Umgang mit behinderten Menschen und deren Angehörigen definitiv als strukturelle Gewalt empfinde und unsere Familie dadurch sehr belastet und geschwächt wird. Diese Form von Gewalt wird bisher kaum als Gewalt wahrgenommen und als solche benannt.

      Timeout an Schulen und Kindergärten gehört ebenfalls zu psychischer Gewalt. Wird sehr oft praktiziert. Im Prinzip zieht sich psychische Gewalt durch alle Systeme: Schule, Kindergarten, Pflegeeinrichtungen, Arbeitsplatz, Öffentlichkeit, Bürokratie.


      Dann kann man ja fast sagen, der Bürokratismus ist die einzige Gewaltform, die den modernen aufgeklärten Staaten heute noch geblieben ist. ;)

      Im Gegensatz zu autoritären Regimen, und zum klassischen Polizeistaat, wird heute keine offene Gewalt mehr ausgeübt, aber Menschen werden durch ausufernden Bürokratismus, unverständliche Regularien usw. zermürbt, obwohl ihnen formal alle Rechte offenstehen.

      Das klingt jetzt provokativ und vielleicht ein wenig überspitzt, aber man sollte diese Sichtweise durchaus ernsthaft diskutieren.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von „Dario“ ()

      Interessant fand ich , das die Bedürfnis orientierte Erziehung als Gegenbewegung zur Leistungsgesellschaft verstanden wir.
      Das zeigt eigentlich genau das Dilemma
      Die strukturelle Gewalt gegen Behindere ist ja seit spätestens der Studie über behinderte Frauen bekannt.
      Wurde wie gewohnt unter den Teppich gekehrt und lediglich auf sexuelle Gewalt beschränkt.

      Die Wurzel in der Nazi Ideologie zu suchen , greift viel zu kurz. Generell ist es noch nicht sehr lange her , das Kinder als Personen wahrgenommen werden. Auch vor den Nazis war man da nicht sonderlich weit...
      Und auch jetzt gibt es immer noch enorme Widerstände gegen gewaltlose Erziehung.

      dagmar neo frea schrieb:

      Interessant fand ich , das die Bedürfnis orientierte Erziehung als Gegenbewegung zur Leistungsgesellschaft verstanden wir.


      Ich glaube, da ist tatsächlich eine Menge dran! Das fand ich so gut and er Sendung, dass sie solche selten diskutieren Zusammenhänge anspricht.

      Nach allem, was ich weiß, wird doch Erziehung und vor allem Schulbildung heute tatsächlich immer mehr so verstanden, dass die Kinder /Schüler für die Wirtschaft und den Arbeitsmarkt fit gemacht werden sollen.; dass sie größtmöglichem Leistungsdruck und Selektionswettbewerb standhalten können. Um die psychischen Bedürfnisse der Kinder, um Charakter- und Persönlichkeitsbildung (oder gar um ein humanistisches Bildungsideal) geht es dabei doch höchstens am Rande. Oder liege ich mit dieser Wahrnehmung falsch?

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von „Dario“ ()

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      Wie weit wir von gewaltfreier , bzw. Bedürfnis orientierter Erziehung in Deutschland entfernt sind , zeigt sich dann wohl demnächst in diesem Kino Film :
      kaenguru-online.de/themen/medi…fuer-schwache-nerven.html

      Die Rezensionen sind im Netz überwiegend positiv , die verlinkte ist die einzige kritische Stellungnahme die ich gefunden habe.
      Ich hab die Klinik mal gegoogelt und geguckt , welche Methoden die anwenden , und war erstaunt , das die eigens eine eigene Therapie erfunden haben. Für mich bedeutet das , das die keine wissenschaftlich indizierte Methode benutzen.
      Ich kann nur hoffen , das ein breites Publikum mit eine Riesen Aufschrei reagiert.
      Die Filmemacher sind da wohl auch recht unbedarft.

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      Danke für den Link, Dagmar, die Rezension lässt wirkliches Furchtbares erahnen. Aufgrund meiner eigenen Geschichte würde ich es wahrscheinlich gar nicht ertragen, mir diesen Film anzusehen.

      Mein Gefühl ist, diese Gesellschaft war zwischenzeitlich (Ende 1990er-/Anfang 2000er-Jahre) schon mal weiter in Sachen humane Erziehung. Vor ca. 10 Jahren kippte das dann plötzlich wieder, z.B. durch Autoren wie Winterhoff und Sendung wie Supernanny.
      Ich frage mich ernsthaft, ob die neue Faszination für harte, wenig empathische Erziehungsmethoden mit dem allgemeinen Erstarken des Rechtspopulismus zusammenhängt. In unsicheren Zeiten greifen ja viele Menschen(gruppen) auf altbewährte, scheinbar einfache Lösungen zurück. Würde mich nicht wundern, wenn das auch beim Thema Erziehung so ist, auch wenn der Gedanke Angst macht.

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      Den Eindruck das in den 90igern die funktionalen Erziehungsansätze stark kritisiert wurden und andere Erziehungsmodelle( Wertschätzung , Gewaltlosigkeit ) in den Vordergrund getreten sind , kann ich so bestätigen.
      Es ist auch nicht so , das die nicht von vielen Menschen so praktiziert werden.
      Die schwarze Pädagogik ist meiner Ansicht nach aus der DDR rübergeschwappt , einhergehend mit Krippenerziehung.
      Das soll jetzt nicht heißen , das ich generell gegen Krippen bin , eher das die Personalschlüssel das Kindeswohl gefährden , indem den Kindern dann unzumutbare Anpassungsleistungen abverlangt werden , die Kinder in dem Alter eigentlich gar nicht leisten können. Also werden die Kinder mit Gewalt zur Anpassung gezwungen.


      Annemarie ,ob intern ist mir egal.

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      dagmar neo frea schrieb:

      Das soll jetzt nicht heißen , das ich generell gegen Krippen bin , eher das die Personalschlüssel das Kindeswohl gefährden , indem den Kindern dann unzumutbare Anpassungsleistungen abverlangt werden , die Kinder in dem Alter eigentlich gar nicht leisten können. Also werden die Kinder mit Gewalt zur Anpassung gezwungen.
      Ich sehe das wie du und ich frage mich oft, warum der Kinderschutzbund schweigt?

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      Ella schrieb:

      Ich sehe das wie du und ich frage mich oft, warum der Kinderschutzbund schweigt?


      Das ist eine berechtigte Frage. Der Deutsche Kinderschutzbund leistest sicher wichtige Arbeit, das will ich nicht schlechtreden, aber ich hab ihn seiner Grundausrichtung schon immer als eher konservativ und Teil des Establishments erlebt.

      Ich erinnere mich, dass der Kinderschutzbund in der Vergangenheit einige öffentlichkeitswirksame Kampagnen hatte z.B. gegen schlagende Eltern oder missbrauchende Familienangehörige, aber echte Systemkritik (gegen strukturelle Missstände und politische Fehlentwicklungen) hört man von dort eher selten, ist zumindest mein Eindruck.

      Ich will den Deutschen Kinderschutzbund damit nicht angreifen (vielleicht haben sie sich ihre Schwerpunkte bewusst so gesetzt), ich persönlich unterstütze aber lieber das Deutsche Kinderhilfswerk, weil die mehr Mut haben zu unkonventionellen Ideen und auch politisch klarer bekennen, was sie wollen und was nicht.

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      Zum Kinderschutz gehört nicht nur die Gewaltfreiheit im Elternhaus, sondern auch die Bedingungen in den Einrichtungen, die selten hinterfragt werden. Dazu gehören die praktizierende Pädagogik in den Einrichtungen, die Einstellung zum Kind/ das Bild vom Kind, die räumlichen Bedingungen, der Personalschlüssel, die Anpassung der Abläufe an die Bedürfnisse des Kindes, gewaltfreie Kommunikation usw.

      Fast alle Kinder besuchen eine Kindertageseinrichtung und alle Kinder die Schule. Wir wissen, dass die Bedingungen oftmals mangelhaft sind, aber sie werden beschönigt. Es wird so getan, als könne es nicht sein, dass in Deutschland die Menschenrechte verletzt und nicht eingehalten werden. Doch, auch in Deutschland werden Menschenrechte verletzt. Nicht nur in den Elternhäusern, sondern auch tagtäglich in den Einrichtungen, ohne dass es hier auch nur annähernd ein Bewusstsein und eine Auseinandersetzung gibt. Ich wünsche mir, dass die Kinderschutzverbände diese Missstände endlich thematisieren und die Verantwortlichen und die Politik unter Druck setzen.

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      Ella schrieb:

      Ich wünsche mir, dass die Kinderschutzverbände diese Missstände endlich thematisieren und die Verantwortlichen und die Politik unter Druck setzen.


      Ich sehe es ja genauso, nur von den etablierten großen Verbänden verspreche ich mir da nicht allzu viel, weil sie schon längst Teil zum des Systems geworden sind. (Weiß nicht, wie es besser ausdrücken soll, aber vielleicht wisst ihr, was ich meine.)

      kleineren Verbänden oder Privatinitiativen traue ich eher zu, dass sie sich auch mal mit der Politik anlegen, wenn es sein muss.

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      Dario schrieb:

      Ich sehe es ja genauso, nur von den etablierten großen Verbänden verspreche ich mir da nicht allzu viel, weil sie schon längst Teil zum des Systems geworden sind. (Weiß nicht, wie es besser ausdrücken soll, aber vielleicht wisst ihr, was ich meine.)
      Das ist leider oft so. Je größer die Verbände, umso mehr sind sie Teil des Systems. Das kennen wir doch auch aus dem Behindertenbereich. Von den großen Verbänden erwarte ich auch keine Unterstützung.