Recht auf Verwahrlosung im Rahmen der Selbstbestimmung?

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      Recht auf Verwahrlosung im Rahmen der Selbstbestimmung?

      Ich zitiere mich mal aus diesem Thread:

      Ella schrieb:

      Als ich meinen Sohn dann beschrieb, schlug man mir eine ambulant betreute WG vor, die nur ab Nachmittags bis zu den frühen Abendstunden betreut wird. Die Bewohner gehen also selbständig ins Bett und stehen morgens selbstständig ohne Hilfen auf. In der Nacht gibt es keinen anwesenden Betreuer.

      Als ich sagte, dass dies nichts für meinen Sohn wäre, da er eine Abend- und Morgenstruktur mit Hilfe benötigt, damit er abends ins Bett geht und morgens pünktlich aufsteht, Körperpflege betreibt und nicht mitten in der Nacht den Fernseher anschaltet, entgegegnete man mir, dass dies zur Selbstbestimmung dazugehören würde, dass die Leute ins Bett gehen, wann sie wollen und auch mitten in der Nacht den Fernseher anschalten können. Die WG-Bewohner müssten dann eben auch erfahren, dass ihnen, wenn sie nicht pünktlich in der Werkstatt erscheinen, halt der Werkstattplatz gekündigt wird.
      Das gehöre zum normalen Leben dazu und das müssten auch die Menschen mit Behinderung lernen.

      Ich habe in einem anderen Thread ja schon berichtet, dass wir uns eine Wohneinrichtung für unseren Sohn angeschaut haben.
      Nun erfuhren wir von der dortigen Einrichtungsleitung, dass genau solche Argumentationen, wie die oben zitierten, auch von den Kostenträgern herangezogen werden.
      Das Selbstbestimmungsrecht wird hier von den Kostenträgern ausgenutzt, um Kosten zu sparen.
      Es wird oftmals der Hilfebedarf am Abend, in der Nacht und am Morgen nicht anerkannt und dann wird mit solch hanebüchenen Argumenten argumentiert.

      O.K, reden wir doch einmal vom "Recht auf Verwahrlosung". Wie seht ihr das? Haben unsere Kinder aufgrund des Selbstbestimmungsrechtes ein "Recht auf Verwahrlosung"?
      Schaut mal hier in dem Thread
      haben wir schon einmal davon gesprochen:

      Gefahren auf dem Weg zur Selbstbestimmung
      intakt.info/forum/forum/themen…-weg-zur-selbstbestimmung


      Alkoholsucht bei geistig Behinderten
      Ruf der Flasche
      Deutlich mehr geistig Behinderte als früher leben in offenen Wohnformen. Doch mit der Selbständigkeit steigt offenbar das Risiko, alkoholabhängig zu werden.....
      spiegel.de/panorama/alkohol-ri…rectedFrom=www&referrrer=





      Viele Grüße
      Monika

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von „Trixi“ () aus folgendem Grund: Link korrigiert, damit er anklickbar ist

      Monika, danke für die Links.
      Die Aussagen in der Diskussion bei intakt decken sich komplett mit den Aussagen der Einrichtungsleiterin, mit der wir gesprochen haben.
      Warum wird das von der Politik nicht endlich thematisiert? Ich kann das Wort "Kosten" nicht mehr hören. <X
      Mann kann schutzbedürftige Menschen doch nicht mit dem Vorwand der Selbstbestimmung ins Verderben schicken.
      Diesen Beigeschmack bekommt man auch bei dem eigentlich positiven Artikel über die Aufgaben der EUTB:

      Beratungsstellen der EUTB (Ergänzende unabhängige Teilhabeberatung)

      Es ist sehr schön, wenn auf Selbstbestimmung hingearbeitet wird. Was ist aber mit den Menschen, die das nicht können?
      Ich finde es immer schade, wenn in solchen Artikeln die Belange dieser Gruppe verschwiegen werden. Haben solche Menschen in Zukunft völlig verloren? Wenn nicht mal die Beratungsleute mehr für sie da sind?

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von „Annemarie“ ()

      Annemarie schrieb:

      Ich finde es immer schade, wenn in solchen Artikeln die Belange dieser Gruppe verschwiegen werden. Haben solche Menschen in Zukunft völlig verloren?
      Ich fürchte, ja. Es gibt im Behindertenbereich einige Aktivisten, die alle für sich selbst sprechen können. Sie sind dabei etwas zu bewegen, was ich super finde. Nur leider zeigen sie kaum Solidarität mit denen, die nicht für sich selbst sprechen können. Dabei haben sie eine so große Reichweite, die helfen könnte, auf Missstände aufmerksam zu machen. Nicht alle Menschen, die nicht für sich selbst sprechen können, haben Eltern im Hintergrund. Ich habe den Eindruck, dass die Menschen, die für sich selbst sprechen und kämpfen können, langsam mehr Aufmerksamkeit erhalten und von der Öffentlichkeit wahrgenommen werden. Der Rest wird weiter ignoriert. Ärgerlich....

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von „Ella“ ()

      Der Artikel "Neid der Benachteiligten" ist vor knapp vier Jahren erschienen und zeigt mir deutlich, dass die massive Benachteiligung von Menschen, die sich nicht selbst vertreten können, als Kollateralschaden toleriert und akzeptiert wurde. Nicht von uns, aber von denjenigen, die in für sich selbst Fortschritte erzielen konnten. Für mich auch heute noch ein Schlag ins Gesicht von wehrlosen Menschen...
      Sie ist anders als die andern, und ihre Sprache geht weit an uns vorbei.
      Doch wenn sie lächelt, lächelt sie mit Leichtigkeit dir dein ganzes Herz entzwei.

      'Sommerkind' von Wortfront


      Viele Grüße
      Inge

      Schluck....

      Ich bin nicht neidisch. Ich bin enttäuscht! Enttäuscht von der fehlenden Solidarität. Man kann für seine Belange eintreten und kämpfen, man kann gleichzeitig aber auch Solidarität zeigen und auf die Menschen aufmerksam machen, die es nicht in die Öffentlichkeit schaffen. Das vermisse ich bei den Aktivisten.

      Inge schrieb:

      Für mich auch heute noch ein Schlag ins Gesicht von wehrlosen Menschen...
      Ja, Inge.....der Text ist ein Schlag ins Gesicht.
      Außerdem geht der Verfasser des Textes davon aus, dass hinter jedem Menschen Eltern stehen, die in der Lage sind zu kämpfen. Nicht jeder hat das Glück. Viele Eltern sind alt, kraftlos oder sogar schon tot.
      Das Problem ist, dass nach gewisser Zeit alles "verbändelt". Erst hat man einen Elternverein, der wird dann größer, professioneller, auf einmal hat man hauptamtliche Geschäftsführer und dann den ganzen Unterbau hauptamtlich. Und was hat man dann für Leute "eingekauft"? Die waren vorher schon woanders, haben ihre Connections...

      Annemarie schrieb:

      Erst hat man einen Elternverein, der wird dann größer, professioneller, auf einmal hat man hauptamtliche Geschäftsführer und dann den ganzen Unterbau hauptamtlich.


      gerade erlebe ich das in einem Verein, bei dem ich 1987 Gründungsmitglied war und vor einigen Jahren ausgetreten bin. Der Selbsthilfegedanke gerät völlig in den Hintergrund, weil irgendwelche Leute sich profilieren wollen. Das hat nicht mal was mit Eltern oder Profis zu tun, sondern mit (mangelndem) Charakter.
      Ich halte Verbände wie die Lebenshilfe nach wie vor für den richtigen Weg, leider hapert es in vielen Fällen ganz gewaltig bei der Umsetzung. Dennoch sollten wir als Eltern dann nicht versuchen, das Rad neu zu erfinden, sondern wir sollten den Verband "entern", denn es sind Elternverbände. Die gehören nicht einem Vorstand oder irgendwelchen Hauptamtlichen. Wir(!) - die Eltern - sind als Mitglieder diejenigen, die die Richtung vorgeben. Wir müssen uns nur einig sein, dann klappt das - denn wir sind viele.
      Ach ja, bei dem oben erwähnten Verein sind gerade viele starke Mitglieder dabei, sich den Verein zurückzuerobern!


      Sie ist anders als die andern, und ihre Sprache geht weit an uns vorbei.
      Doch wenn sie lächelt, lächelt sie mit Leichtigkeit dir dein ganzes Herz entzwei.

      'Sommerkind' von Wortfront


      Viele Grüße
      Inge

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von „Inge“ ()

      Es ist natürlich bedauerlich, wie viele Mehrfrontenkriege wir führen müssen.
      Gegen Behörden, das ist ja klar, die sehen sich ja leider als Gegner, wenn der "böse Bürger" was will, was Kosten bedeutet.
      Aber wenn wir praktisch "zurückerobern" müssen, was wir selbst aufgebaut haben, innerhalb unserer eigenen Reihen, weil sich einige bedienen/profilieren wollen, also auch noch "Bürgerkrieg" führen müssen, dann wird es den meisten doch wohl zu viel.
      Irgendwann kann man nicht mehr alles leisten...

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von „Annemarie“ ()

      Annemarie schrieb:

      Gegen Behörden, das ist ja klar, die sehen sich ja leider als Gegner, wenn der "böse Bürger" was will, was Kosten bedeutet.
      Ich kritisiere ganz scharf, dass die Behindertenverbände die Missstände und die Behördenwillkür gegenüber behinderten Menschen stillschweigend hinnehmen und den Betroffenen keinerlei Unterstützung zukommen lassen. Stillschweigen ist auch eine Art von Zustimmung. Mich macht das sehr wütend. Nicht mal von dieser Seite kann man Solidarität erwarten.